Zen(-Buddhismus) im (Business-)Coaching?!
Es geht um Freiheit, Freude und Selbstbestimmung. Ein Interview mit Silvia Glaser.
Man könnte vielleicht meinen, dass Ihre Zen-Praxis Ihre Privatsache sei und damit hier und so öffentlich nicht weiter erwähnenswert. Weshalb stellen Sie sich dennoch diesem kurzen Interview?
Das stimmt: Einerseits ist Zen meine Privatsache. In den meisten Coachings verwende ich nicht einmal den Begriff Zen, außer vielleicht auf Nachfrage. Andererseits schärft nichts so sehr wie Zen mein Bewusstsein für Beziehungen. Zen macht mir bewusst, wie essenziell klare Werte sind. Und Zen fordert mich dazu auf, mit ganzer Lebendigkeit im Augenblick zu sein. Oder, anders ausgedrückt: situativ flexibel zu (re-)agieren. Das alles sind Dinge, die (auch) meine Coaching-Haltung prägen, die meinen Coachees zugute kommen. Wie stark meine Haltung inzwischen tatsächlich durch die Zen-Praxis geprägt ist, wird mir in letzter Zeit bewusst vor Augen gehalten: Ich werde wiederholt gefragt, woher meine Haltung kommt. Ob „man“ so etwas lernen kann und wenn ja: wie ich das gelernt hätte. Da wäre es dann seltsam und unnatürlich, wenn ich meine Zen-Praxis verschweigen würde. Ich spreche hier deshalb zum ersten Mal öffentlich über dieses Thema. Bisher habe ich mich damit eher zurückgehalten: Ich möchte den Begriff Zen nicht als Marketinginstrument missbrauchen und sehe es sehr kritisch, wenn das andernorts so gemacht wird. Dafür ist mir diese Praxis zu bedeutsam und wichtig.
Wie haben Sie zur Zen-Praxis gefunden, und wie hat sie sich in Ihrem Leben weiter entwickelt?
2009 habe ich zum ersten Mal an einem Seminar meines heutigen Zen-Lehrers, Zentatsu Richard Baker Roshi, teilgenommen. Ich war beeindruckt von der Person und von der Praxis, die Baker Roshi mit seiner Erfahrung aus mehr als sechs Jahrzehnten verkörpert. Auch auf vielen anderen Feldern – Philosophie, Natur- und Geisteswissenschaft – hat Baker Roshi ein unglaublich tiefes Wissen. Vieles, was ich weiß, weiß ich aus seinen Vorträgen. Ich lese heute viel weniger Sachbücher als früher, besuche viel weniger Seminare – auch zu coachingbezogenen Themen: im Vergleich zu Baker Roshis Vorträgen und Seminaren fallen sie einfach ab. Nach diesem ersten Seminar habe ich Baker Roshis Zen-Kloster immer wieder besucht. Heute lebe ich mehrere Monate des Jahres hier, im Südschwarzwald.
Sie leben im Zen-Kloster? Wie sieht dort Ihr Tagesablauf aus?
Bis zu drei, vier Mal im Jahr machen wir hier sogenannte Sesshins. Das sind intensive Schweigeretreats, die fünf bis sieben Tage dauern. Diese Wochen dürften dem klassischen Klischeebild vom Zen-Kloster wohl am nächsten kommen. Außerhalb dieser Zeiten sind die Tage aber deutlich abwechslungsreicher – und unspektakulärer. Wir stehen um 5 Uhr auf, treffen uns dann im Zendo, der Meditationshalle, zur Meditation, hier Zazen genannt. Anschließend rezitieren wir kurze buddhistische Texte, gefrühstückt wird in Stille und einem alten Achtsamkeitsritual entsprechend. Danach machen alle ihre Arbeit, unterbrochen von Mahlzeiten und Pausen – bis zum Abend-Zazen um 20 Uhr.
Einzelcoaching-Setting im Zen Buddhistischen Zentrum Schwarzwald.
Was für eine Arbeit machen Sie dort?
Da gäbe es zum einen meine Arbeit als Coach. Manchmal kommen Coachees hierher oder ich coache online von hier aus , mache Vor- oder Nachbereitungen, entwickle Konzepte, treffe mich mit meinen MitarbeiterInnen… Zum anderen arbeite ich aber auch für das Kloster selbst. Es hat sich so ergeben, dass ich mich dort einige Jahre um die Finanzen gekümmert habe. Vor zwei Jahren ist mir die Projektleitung für die weitere Entwicklung der Immobilien und des Campus anvertraut worden. Letztlich ist das Kloster ja ein Unternehmen. Wenn ich daneben noch Zeit habe, beteilige ich mich an allem, was gerade sonst anfällt und gebraucht wird: Frühstück, Wäsche, Gartenarbeit…
Sie sind dort also angestellt?
Oh, nein. Ich bekomme kein Geld für diese Arbeit. Im westlichen Sprachgebrauch nennt man das wohl Ehrenamt. Aus der Zen-Perspektive ist Arbeit eine Art der Zen-Praxis, und zwar keine minderwertige. Sie ist genauso wertvoll und wichtig wie die stille Meditation im Zendo. Gerade das macht Zen so spannend, auch wenn es um die Arbeitswelt außerhalb des Klosters geht.
Gibt es auch Widersprüche zwischen Zen und der modernen Business-Welt?
Bei manchen Punkten sind die Sichtweisen sehr verschieden. Im Business, im Westen, wird Leistung einfach erwartet. Erst wenn etwas nicht mehr läuft, gehen wir ins Coaching oder zum Wellness, fangen mit Yoga oder Meditation an. Zen ist eher eine alltägliche Kultivierung. Meditation gehört da genauso zum Alltag wie Arbeit. Die Zen-Praxis macht mich klarer, gelassener. Manchmal auch demütiger. Ich kann sie aber nicht gezielt einsetzen. Ich meditiere nicht, um mich nachher besser zu fühlen. Wenn ich mit dieser Absicht meditiere, funktioniert das nicht. Stattdessen meditiere ich täglich zu festen Zeiten, einfach weil das Teil meiner Praxis ist.
Nun ist Zen eine sehr spezifische Praxis, die vielleicht manche LeserInnen fasziniert, andere dagegen eher befremden wird. Abgesehen von so konkreten Praktiken wie Zen taucht das Thema Spiritualität aber auch allgemein verstärkt im Business-Kontext auf. Ist das einfach nur ein Trend, oder geht es da um eine aufrichtige Haltung?
Wenn von Spiritualität nur gesprochen wird, echte Veränderungen aber ausbleiben, dann ist das nur ein Modetrend. Dann werden da einfach angesagte Buzzwords genutzt. Und ja, das beobachte ich. Wirklich spirituell ist Führung, die von Ethik und geklärten, bewussten Werten inspiriert ist. Solche Werte sind sowohl universell als auch individuell. Sie sind universell, weil sie zwar durch Zen oder andere Traditionen geklärt werden können, letztlich aber zu keiner spezifischen Tradition gehören. Man muss da an nichts glauben, erst recht nicht an Gott oder eine Religion. Werte sind aber auch individuell, weil sie jeder Mensch in eigener, persönlicher Ausprägung hat.
Das klingt fast philosophisch! Zum Schluss bitte noch mal ganz konkret: Sie coachen ganz in der Welt der New Leadership-Ansätze. Was bringt mir ein New Leadership Ansatz wie zum Beispiel der des spirituellen Führungsstils?
Zweifelsohne Freiheit, Freude und Selbstbestimmung. Wenn ich als Führungskraft in meinen Werten verankert bin, kann ich Leben und Karriere souverän selbst gestalten. Doch tatsächlich haben viele gestandene, sonst sehr erfolgreiche und kompetente Führungskräfte keinen klaren Zugang zu ihren Werten. Mich wundert das auch gar nicht: Wo sollte dieser Zugang herkommen? So etwas kommt nicht von selbst; das will kultiviert werden. Wir lernen Spiritualität und Werte aber weder in der Schule noch an der Uni. Unsere Kultur hat sich – oft aus gutem Grund – von alten spirituellen Autoritäten gelöst. Und noch keinen adäquaten Ersatz dafür gefunden, jedenfalls nicht auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Coaching kann hier, auf individueller Ebene, einen entscheidenden Beitrag leisten.
Das Interview führte Sascha Borrée, Autor und Redakteur.