“Wie es wirklich ist”… in einem ZenBuddhistischen Kloster zu leben.
Der Titel dieser Reihe ist der gleichlautenden Rubrik der „Zeit“ entlehnt. Alles andere ist von mir. Echt. Authentisch. Subjektiv. Und ohne Anspruch auf… was auch immer.
Heute: Wie es wirklich ist, in einem ZenBuddhistischen Kloster zu leben.
Allen Zweiflern an der Beschreibung meiner Erfahrung sei vorweggenommen: ich spreche nicht von ein paar Tagen Seminaraufenthalt inmitten von schweigenden Mönchen, die – weil so die Sitzordnung im Zen der Soto Schule – ohnehin meist nur von hinten zu sehen sind. Ich spreche und schreibe von Erfahrungen aus dem Alltag. Mittendrin. Das bedeutet vor meinem ganz persönlichen Hintergrund nicht nur „Dabeisein“ im Klosteralltag sondern ihn wesentlich mitzugestalten und mitzutragen. Auch und vor allem in den letzten beiden Jahren. In Zeiten von Corona.
Blick in den Morgennebel. Aufgenommen aus dem Garten den Zen Buddhistischen Studienzentrums im Schwarzwald.
Zum ersten Mal war ich 2009 hier. Der mit „hier“ beschrieben Platz ist das Zen Buddhistisches Studienzentrum Schwarzwald. Inmitten des Hochschwarzwaldes. Knapp 1000 m hoch liegt es. Und wenn im April unten in Freiburg schon die Wiesen entlang der Dreisam mit (endlich wieder!) Studenten bevölkert sind, haben wir hier oben nicht selten noch heftige Schneefälle vor uns. Dieses Jahr ist es im April schon viel zu warm. Und viel zu trocken. Alles scheint damit ein bisschen anders. Und doch ist viele gleich. Seit vielen Jahrhunderten.
Seit 2009 bin ich immer wieder hier. Manchmal monatelang. Manchmal wochenlang. Manchmal arbeite ich auch mit KlientInnen und Unternehmen hier. In Einzelcoachings. In Teamcoachings. Wenn im Team oder im eigenen Leben ein Schritt nach links oder rechts ansteht, wenn scheinbar nichts mehr geht, oder auch, wenn die Zeit dafür reif ist, das ganz viel passieren darf, entfaltet der Ort hier so etwas wie „seine Magie“ und beschleunigt in seinem entschleunigen Prozesse. Oder weniger esoterisch: Er bietet Platz und schafft Raum. Klingt immer noch zu spooky? Dann sollte ich unbedingt vorwegnehmen, dass Zen keine Religion ist. Zen erfordert keinen Glauben an… was auch immer. Auch der Buddhismus erwartet keinen Glauben. An nix. Es geht um Erfahrungen. Beobachtungen.
„Im Zen, oder zumindest so, wie mein Lehrer Baker Roshi es vermittelte, wird wenig erklärt. Lernen erfolgt durch Beobachten. Das kann mitunter sehr langwierig anmuten. Und sein. Das bemerke ich immer dann, wenn „Neue“ hier sind und ich durch sie an meine ersten Oryoki-Versuche erinnert werde. Es braucht Aufmerksamkeit. Und Geduld. Wie im richtigen Leben.“
Wie ich auf das Kloster gestoßen bin, ist schnell erzählt und soll dennoch Platz finden: Mein langjähriger Yogalehrer war Schüler von Zentatsu Richard Baker Roshi. Dem Abt und Gründer des Johanneshof. Mein Yogalehrer erzählte so intensiv von der Art und Weise, wie Baker Roshi das Zen, basierend auf der buddhistischen Lehre, lebt und die Philosophie unterrichtet, dass ich im Laufe der Jahre neugierig wurde. Und gleichermaßen Respekt hatte: 4.30 Aufstehen. Stunden- bis tagelanges meditieren, ohne sich zu bewegen, rituelles Essen und so weiter und so weiter. Für eine (in Kinderjahren intensiv sozialisierte) Katholikin und (heute immer noch) berufliches Alphatier schwer vorstellbar. Dazu kommen strenge Stundenpläne und jede Menge Regeln. So hörte ich. Wie auch immer: als Perfektionistin mit großer Freude an Ästhetik und Begeisterung für die subtile Ordnung der Natur klang Zen-Buddhismus und alles, was ich über Soto-Zen las: reizvoll. Mein Einstieg 2009 im „Johanneshof“ war dann tatsächlich die intensivste Variante der Meditation, ein Sesshin. Das japanische Wort Sesshin bedeutet „den Geist sammeln“. Wir sitzen von früh morgens bis abends Zazen (Sitzmeditation) und es wird geschwiegen. Außer der Zazen-Meditation gibt es Geh-Meditationen, Oryoki-Mahlzeiten und tägliche Vorträge zu unterschiedlichsten Themen. Was für ein Geschenk, einen Lehrer mit einem so unglaublichen Allgemeinwissen zu haben! „Oryoki“ kommt übrigens – wen wundert’s – ebenfalls aus dem japanischen Zen-Buddhismus und bezeichnet ein meditatives Essensritual, das seit Jahrhunderten in Zen-Klöstern auf der ganzen Welt praktiziert wird. Und wer den Doris-Dörrie-Film „Erleuchtung garantiert“ gesehen hat, ahnt, dass für einen Anfänger das Essen dabei zunächst zu kurz kommen könnte.
Heute schreibe ich mitten aus dem „normalen“ Kloster-Alltag heraus. April 2022. Strahlend blauer Himmel. Im Moment ist es 7 Uhr morgens. Nach dem Zazen. Unser Tagesablauf unterliegt (auch im Alltag) einem klaren und festen Stundenplan. Um 4.30 Uhr „donnert“ eine Weckglocke über den Campus. Wer immer diese überhört, hat sich entweder seit Jahren daran gewöhnt oder ist so erschöpft – dass er wirklich besser nicht aufsteht. Für mich war und ist das frühe Aufstehen selten schwierig. Kurz eine Tasse grünen Tee genießen, ein paar Yogaübungen und dann durch die Nacht in den Zendo. So wird die Meditationshalle genannt. Von 5 Uhr bis kurz vor 7 Uhr gibt es die ersten beiden Perioden Zazen (Sitzmeditation), unterbrochen von einer 10minütigen Gehmediation (Kinhin) und gefolgt von einem sogenannten „Service“: dabei werden in einer rituellen Abfolge unter anderem alte japanische Texte rezitiert. Wer diesem Ritual nicht aus spirituellen Gründen folgen mag, kann die bis zu 12 vollen Verbeugungen wunderbar als Anregung für den Kreislauf nutzen und sich vom Klang des begleitenden Mokogyo und der harmonischen Abfolge der Klangschalen genussvoll in den Tag tragen lassen.
Die Zeit, die bis zum Frühstück folgt, die Stunde, in der ich in diesen Tagen auch diesen Text schreibe, ist die für mich wertvollste und intensivste des gesamten Tages: mein Verstand ist hellwach und ich bin auf unglaublich entspannte Art und Weise zu höchster Konzentration fähig. Die Welt – und das Haus bis auf das Klappern aus der Küche – ist um diese Zeit noch ruhig und ich kann binnen von 1 ½ Stunden mehr Information aufnehmen oder zu Papier bringen als zu kaum einer anderen Zeit. Diese Zeit ist zum Studium von Literatur, also zum Lesen von Lehr-Texten gedacht.
Um genau 8.30 Uhr folgt die erste Oryoki-Mahlzeit des Tages. Ich habe die Zeremonie des Oryoki Essens durch und durch lieben gelernt. Kein Tag ist wie der andere. Obwohl ich das Ritual schon viel Jahre praktiziere und das warme Essen liebe, gibt es jeden Tag etwas, was ich in der Technik des Rituals verfeinern kann, bei dem ich geschmeidiger werden könnte oder wo ich von den Schalen und den Stäbchen unmittelbar ein Feedback bekomme, wenn meine Gedanken gerade ganz woanders sind. Im Zen, oder zumindest so, wie mein Lehrer Baker Roshi es vermittelte, wird wenig erklärt. Lernen erfolgt durch Beobachten. Das kann mitunter sehr langwierig anmuten. Und sein. Das bemerke ich immer dann, wenn „Neue“ hier sind und ich durch sie an meine ersten Oryoki-Versuche erinnert werde. Es braucht Aufmerksamkeit. Und Geduld. Wie im richtigen Leben.
Oryoki Set.
Um 09.45 findet jeden Tag ein Arbeitstreffen statt: der zentrale Ort und Punkt, an dem alle, die an diesem einen Tag – und jeder Tag ist dabei ein eigener, besonderer „dieser eine Tag“ – vor Ort sind. Hier werden kurz Informationen ausgetauscht und die anstehenden Arbeiten verteilt: Hausarbeiten, Gartenarbeiten, Küchenarbeiten, Administrative Tätigkeiten oder so wie ich: die Konzentration auf bestimmte Projekte. Im Laufe der Jahre sind es viele Projekte geworden: ein neues Heizungssystem planen, budgetieren, beantragen, umsetzen, der Neu- und Umbau von Badezimmern… Und auch das nächste Projekt steht unmittelbar in den Startlöchern: Der Bau von Retreat-Hütten. Was für ein Perspektivwechsel und Komfortzonenerweiterung für eine Wirtschaftswissenschaftlerin und -psychologin!
Der Rest des Tages ist schnell erzählt: Um 11.45 Uhr versammeln wir uns erneut für 30 Minuten Zazen im Zendo. Diese Meditations-Periode ist ein wunderbarer „Unterbrecher“ und erneutes fokussieren – und für mich die herausfordernste Meditationszeit, da mein Körper in diesen Minuten versucht, ein bisschen Schlaf zu bekommen, was ich natürlich vermeiden möchte. Um 12.30 Uhr gibt’s Mittagessen. Das Essen hier ist übrigens komplett vegetarisch oder vegan und meistens sensationell lecker!
Der Ort der Meditation - Zendo.
Nach dem Mittagessen wird das frühe Aufstehen etwas relativiert durch eine Mittagspause, bevor es um 15 Uhr entweder in eine weitere Arbeitsphase oder in einen Vortrag oder ein Seminar geht. Und den Abend beschließen wir mit zwei Zazen-Perioden, die um 21 Uhr enden. Der Ablauf ist an nahezu jedem Tag gleich. Sehr verlässlich.
Ich werde immer wieder gefragt, warum das Leben, das Klosterleben, so einen wichtigen Platz in meinem Leben, in meiner Karriere und Entwicklung einnehmen konnte. Wie ich das mit Job und Familie und Hobbies alles schaffe…. Also: warum bin ich immer wieder hier? Warum sind all die anderen zurzeit etwa 30 Menschen hier? In dieser, für Anfänger doch körperlich, mental und emotional herausfordernden Essenz des Schweigens? Ich würde die Frage gerne umdrehen: warum machen das nicht viel mehr Menschen? Sich selbst ein paar Tage beobachten, sich selbst zuhören. Herausfinden, was bleibt, wenn das Außen für eine Weile wegfällt. Das ist ein interessanter… Perspektivwechsel. Raus aus dem, was die meisten Menschen „Alltag“ oder „business“ nennen. Rein in einen anderen Alltag. In das „I“ „me“ and „myself“-Business“.
„Damit liegt die buddhistische Philosophie für mich nah an der Quantenphysik. Jeder, der mit einigermaßen wachen Augen durch die Welt und das Leben geht, weiß um die fulminanten Faszinationen, die uns überall begegnen. Wirklich erklären kann sie … naja, ich zumindest nicht annähernd. Aber ich kann Erfahrungen damit sammeln. Jeder kann das. Ganz besonders an Orten wie diesem.“
Ich selbst fühle mich durch diese Möglichkeit der Perspektivwechsel und Perspektiverweiterungen unglaublich beschenkt. Sie „klären“. Vielleicht auch „er-klären“. Und so ist, das, was vor 13 Jahren ein bewusstes Lernen war in einer nährenden Umgebung war, ein großer Teil meines „Alltags“ geworden. Begleitet durch wunderbare Lehrer und viele interessante Menschen. Und ein Golfplatz ist auch in der Nähe.
Zunächst ganz leise und später sehr bewusst befördert hat sich die Reduktion auf das Maximale in all den Jahren in meiner beruflichen Tätigkeit gezeigt. Es ist die Basis geworden, aus der sich meine im Studium und meine in der Karriere erlernten Fähigkeiten, angewandten Techniken und eingesetzten Methoden wie durch einen Katalysator nähren und dynamisieren.
Damit liegt die buddhistische Philosophie für mich nah an der Quantenphysik. Jeder, der mit einigermaßen wachen Augen durch die Welt und das Leben geht, weiß um die fulminanten Faszinationen, die uns überall begegnen. Wirklich erklären kann sie … naja, ich zumindest nicht annähernd. Aber ich kann Erfahrungen damit sammeln. Jeder kann das. Ganz besonders an Orten wie diesem. Auf schier unbegrenzte, vor allem aber sehr unterschiedliche und individuelle Weisen. Heilsversprechen gibt es keine. Erfahrungen ganz viele. Nicht jedem meiner Kundenunternehmen und Klienten biete ich den Platz für das gemeinsame Arbeit an. Das ist eben auch hier wie mit der Quantenphysik… für mich als Laien schwer zu beschreiben. Aber deshalb nicht weniger wahr. Und wie soll ich jemandem erklären, dass es unterstützend ist, hier zu sein, wenn Menschen dazu überredet werden wollen? Also lass ich Zeit reifen. Wer offen und neugierig ist, wer erfahren möchte, wie es ist, Komfortzonen zu verlassen, sich selbst, sein Team, sogar sein Unternehmen auf eine weitere Art und Weise erfahren und erweitern möchte, fühle sich herzlich eingeladen. Fragen Sie mich gerne! Und wer mehr über das Kloster lesen möchte, findet hier Informationen: www.dharma-sangha.de
Oder fragen Sie mich, ich antworte gerne.