Stell‘ dir vor du bist Coach und keiner kommt!

Ein trauriger Gedanke für die Betreffenden? „Geht so“, würde ich sagen. Und natürlich hat diese Vorstellung mehrere Aspekte und Betrachtungsmöglichkeiten. Zum Beispiel könnte eine Gegenthese sein: ein Coach ist dann ein guter Coach, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Damit hätte die Bedeutung der Überschrift bereits eine komplette Kehrtwendung erfahren.

Schauen wir uns das also mal etwas genauer an: Ich arbeite seit etwa 25 Jahren als Coach. Und es gab und gibt Situationen, in denen ich mit dem miesen Image dieser Berufsbezeichnung zu konfrontiert werde. Und das kommt leider nicht von ungefähr. Es gibt nachzulesende Zahlen, die besagen, dass es in Deutschland etwa 30.000(!) Menschen gibt, die sich Coach nennen. Zum Vergleich stehen dem in etwa 48.000 Psychologische Therapeuten und Therapeutinnen gegenüber, die jeweils ein umfangreiches Studium und einen qualifizierten Abschluss vorweisen müssen, ehe sie unter anderem auch als „BeraterInnen“ in Sachen Persönlichkeitsentwicklung aktiv werden dürfen. Ich verschone Sie nun mit lamentierenden Aussagen dazu, dass die Berufsbezeichnung „Coach“ oder „BeraterIn“ nicht geschützt ist und es daher viele selbsternannte und damit auch nicht oder nur unzureichend ausgebildete Coaches geben kann und offensichtlich auch gibt.

Schauen wir uns noch eine Zahl an: Laut einer weiteren Schätzung (Stephan & Rötz, 2018) sind von den oben erwähnte 30.000 Menschen etwa 8.000 bis 9.000 als Business-Coaches tätig. Gerne folge ich an dieser Stelle auch Herrn Prof. Uwe Kanning, der als Professor für Wirtschaftspsychologie arbeitet und sich an verschiedene Stellen (seriös und faktenbasiert) zum Coachingmarkt äußert. Er hält selbst von den etwa 8.000 Business-Coaches weniger als zwanzig Prozent für seriös. Das wären dann noch nicht mal 1.600 Business-Coaches.

Wenn wir nun eine Korrelation ableiten wollen zwischen dem Titel dieses Blogartikels (der Coach, zu dem keine(r) kommt) und der Seriosität eines gut ausgebildeten Coaches, eine Korrelation also im Sinne von: wenn keiner zu dir kommt, bist du eben kein guter Coach, wäre das sicherlich: Sie ahnen es: falsch.

Ein guter Coach hat (hoffentlich) eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung und ein psychologienahes Studium. Außerdem wollen Sie ja keinen „Neuling“ , also kommen noch ein paar Jahre Coaching-Erfahrung on top. Als Coach für Führungskräfte dürfen Sie als KlientIn seitens des Coaches dazu und unbedingt auch noch mehrjährigen Führungserfahrung erwarten. Alles in allem sind dann schon mal ein paar Jahre (Jahrzehnte) vergangen, ehe der Coach Ihnen darin Unterstützung und Begleitung anbieten kann, was FÜR SIE gut ist.

Über diese fundierte Ausbildung hinaus nun auch noch ein Profi in Sachen Eigenmarketing zu sein, wäre für den Coach kaum zu leisten.

Nun gibt es aber auf der anderen Seite genau die „Coaches“ und „BeraterInnen“, die sehr erfolgreich damit werben, Sie glücklich zu machen. Wer erinnert sich nicht an die Jürgern Höllers dieser Welt zu dem damals Tausende zu seinen Motivationstagen gepilgert sind. Sie alle wollten ähnlich glücklich und erfolgreich werden wie zum Beispiel eben ehemalige Sportstars. Das Augenmerk liegt dabei darauf, dass dieser Motivationsveranstaltungen super erfolgreich vermarktet wurden und werden. Und das sage ich voller Anerkennung! Aber mit Coaching und des In-Beziehung-Gehens mit dem Einzelnen, woraus ein Coachee dann auch noch nachhaltig profitieren soll... hat das nichts zu tun.

Hat nun also der Coach die vielen KlientInnen, der sich am lautesten vermarktet? Irgendwie schon. Zwar gab und gibt es immer wieder Ansätze, den Markt durchsichtiger zu gestalten. Aber wirkliche Erfolge gibt es noch nicht.

So schreibt zum Beispiel Rauen in seiner Coaching-Marktanalyse 2020: Der Versuch, über Verbände bzw. Zertifizierungsverfahren die Markttransparenz und professionelle Standards zu steigern, ist bestenfalls im Entstehen.

Das Magazin focus und später auch das Netzwerk XING haben zwei (oder drei?) Jahre lang versucht, die Qualifikation und den Erfolg der der Coaches dort evaluieren zu lassen, wo die Menschen wirklich davon profitieren. Bei den KlientInnen selbst. Bei Ihnen.

Soweit ich mich erinnere, konnten rund 6.800 (von XING) eingeladene Kunden, Personaler und KlientInnen in verschiedenen Kategorie Coaches empfehlen. Insgesamt wurden damals wohl etwa 24.000 Einzelempfehlungen abgegeben. 400 Coaches wurde so als „Top Coaches“ herausgefiltert. Achtung Eigenmarketing: Ich habe damals in allen drei Jahren insgesamt jeweils drei Auszeichnungen in zwei verschiedenen Kategorien bekommen: Führungs-Coaching und Konflikt-Coaching.

Aber auch diese Bewertungen wurden – aus welchen Gründen auch immer – nicht fortgeführt. Schade für die 1.800 qualifizierten Kollegen und Kolleginnen. Und die vielen HR Business Partner, Führungskräfte und GeschäftsführerInnen. Sie machen sich im Dschungel der etwa 8.000 Business-Coaching-Anbieter also nun weiter auf die Suche nach dem und der „Richtigen“. Für sich selbst und/oder Ihre Fürhungskräfte.

In dieser mühevollen Suche greifen Sie dann sicherlich weiter zu jenen Instrumenten greifen, die laut der oben genannten Rauen Coaching-Marktanalyse 2020 die Liste anführen:

  • Persönliche Empfehlung durch Dritte,

  • Berufserfahrung des Coaches

  • Referenzen,

  • Coaching-Ausbildung (wobei hier nicht genannt wird, was darunter genau zu verstehen ist: ich fände es deutlich messbarer, wenn hier bestimmte Studiengänge oder spezifische Ausbildungen benannt würden),

  • ethisches Selbstverständnis/Ethik-Kodex und

  • Führungserfahrung des Coaches.

Wenn Sie nun also selbst ein guter (sprich wissenschaftlich und psychologisch qualifizierter) Coach sind, und Keine(r) kommt, könnte das an Ihrem Eigenmarketing liegen. Und um hier im Haifischbecken der 8.000 oder gar 30.000 anderen „Coaches“ mitzuhalten... finde ich alleine schon bei dem Gedanken daran anstrengend.

Eine Lösung des Problems für Coaches habe ich nicht. Dafür gibt es sogenannte „Profis“. Mich erreichen nahezu täglich Mails und Nachrichten über diverse Kanäle von Anbietern, die mir sagen wollen, wir das mit dem Eigenmarketing geht und wie ich innerhalb weniger Wochen zu so und so viel neuen Kunden und KlientInnen komme. Bei mir landen Nachrichten dieser Art im Papierkorb. Zum einen, weil ich mich in der glücklichen Lage schätze, dass mich interessierte Coachess finden. Aber das passiert natürlich auch nicht einfach so sondern bedarf auch immer wieder entsprechender Maßnahmen. Denn auch für mich gilt: wie soll mich jemand finden, wenn ich mich nicht zeige? Und dabei habe ich schon „das Glück“ (naja, wohl auch die Früchte jahrelanger Arbeit), in der Branche einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben. Dieser hat es mir zumindest in den letzten Jahren erlaubt, meinen Lebensunterhalt durch‘s Coaching betsreiten zu können. Das können – auch hier sein erneut die Rauen-Studie erwähnt – gerade mal ein Drittel aller Business-Coaches von sich sagen.

Persönliche Empfehlung durch Dritte, Berufserfahrung des Coaches, Referenzen, professionelle Coaching-Ausbildung, ethisches Selbstverständnis und Führungserfahrung des Coaches.

Ist das nun Angeberei? Nein, denn – siehe oben – da stecken jede Menge investierter Ressourcen drin, um an den Punkt zu kommen: Diverse Studiengänge, zahlreiche und permanente Ausbildungen, viele Erfahrungen (darunter auch welche, die nicht ganz sooooo schön waren), regelmäßige und unterschiedliche Aktivitäten in Form von Vorträgen, Blogartikeln, und am Ende auch immer wieder das Quäntchen Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Also eine Mischung aus Fleiß, Vertrauen und Hingabe.

Was ist nun aber mit den Kunden da draußen, die einen guten Coach suchen? Und es gibt sie! 3.000 davon! Wie finden Sie sie? Vielleicht haben Sie Lust, dazu meinen Blogartikel „Wie finde ich einen guten Coach“? zu lesen und vielleicht finden Sie darin den einen und anderen Ansatz und haben bei Ihrer Auswahl dann ein glückliches Händchen! Ich wünsche es Ihnen sehr!

Denn gutes Coaching bringt uns alle nach vorne! Und ja, auch ein guter Coach lässt sich regelmäßig coachen.

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Silvia Glaser - Executive Coach des Jahres 2023

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