Das mit der Life Domain Balance
Sie kennen bisher „nur“ das mit der Work-Life-Balance? Macht nichts. Gleich wissen Sie mehr. Und besser noch: Sie können für sich selbst anhand einiger Beschreibungen reflektieren und damit ins Bewusstsein bringen, wie weit sich der lange Arm der Arbeit unbeabsichtigt in Ihr Leben geschlichen haben könnte. Und dann entscheiden, ob Sie das weiter so wollen. Oder eben auch nicht.
Kurz gesagt geht’s bei dem Begriff der Life Domain Balance um den Zusammenhang zwischen der Arbeits- und der nicht mit Arbeit verbrachten Zeit, die auch gerne mit „Freizeit“ bezeichnet wird.
Obwohl sie nicht unbedingt als „freie“ Zeit gelten kann. Denn mitunter kann gar nicht mal so wenig dieser Zeit irgendwie auch wieder der Arbeit zugeordnet werden. Seien es – trotz vermehrtem Homeoffice – die Wegezeiten, Weiterbildungen, mal noch eben eine Mail checken, und und und... Und schließlich gibt es auch in anderen Lebensbereichen mitunter viele Verpflichtungen, die die „freie“ Zeit unfrei machen. Ehrenämter, Verpflichtungen durch Haushalt oder auch die Wünsche und Verantwortungen durch Familie zum Beispiel.
Ein wichtiger Aspekt für die Erhaltung und Steigerung der Lebensqualität ist das Balancieren der grundlegenden Bereiche des täglichen Lebens. Also die Erwerbsarbeit, Partnerschaft, Familie, Hobbys, gemeinnützige Arbeit und die Gesundheit gehören: Zusammengefasst in dem Begriff „Life Domain Balance“. Die Wissenschaft bietet uns nun so einige Auffassungen über den genaueren Zusammenhang zwischen der Arbeits-Sphäre, also das, wofür wir in den allermeisten Fällen Geld bekommen, und der sogenannten „Frei“-Zeit.
Checken Sie gerne mal ganz spontan, mit welcher Hypothese Sie bereits beim Lesen in Resonanz gehen.
Da wäre zum einen die Segmentierungshypothese. Sie setzt voraus, dass Sie die Arbeit komplett vom Rest Ihres Lebens trennen. Ich halte das für ziemlich unmöglich. Gibt es eine Tätigkeit, in der Sie mit nichts und niemandem interagieren, ohne dass es Einfluss auf Sie an anderer Stelle hätte? Aus meiner Abi-Zeit erinnere ich mich an einen Mitschüler (ein Gruß an dieser Stelle an Thomas nach Münster!), der ganz klar wusste: er studiert, will in die Finanzdirektion und strebt dort die höhere Beamtenlaufbahn an. Ihm ist Verlässlichkeit, Absehbarkeit und - genau! das Trennen von Beruf und Privatleben wichtig. Er möchte abends pünktlich um 16 Uhr frei für seine Hobbies und das wahre Leben, wie er es nannte, sein. Und zwar jeden Tag. Auf Jahre hin planbar. Leider habe ich keinen Kontakt mehr zu Thomas und damit keine Ahnung, ob sein Plan aufgegangen ist.
Deutlich häufiger dürfte es wohl der Fall sein, dass das Erleben und Erfahren beider Bereiche – also Arbeit und Nicht-Arbeit - sich gegenseitig beeinflussen. In schlau: Interaktions- oder (je nach Forscher) auch Integrationshypothese. Die Bereiche werden permanent miteinander koordiniert. Und sie beeinflussen sich gegenseitig. Das könnte ziemlich gut auf meine eigene Erfahrung zutreffen: Als selbständige Unternehmerin gestalte und koordiniere ich quasi permanent, wie ich meine grundsätzlich freie Zeit von 24/7 einsetze. Kann und mag ich ein paar Wochen remote aus dem Zen-Kloster heraus arbeiten? Oder ist im aktuellen Prozessfortschritt mit einem bestimmten Kunden meine Anwesenheit von Vorteil? Oder aber auch: wenn ich beispielsweise einen Konfliktmoderations-Prozess vorbereite und mich darauf „eintune“, welche nonverbalen Auslöser es als Blinde Flecken bei den Beteiligten gibt, gehe ich auch in meinem privaten Umfeld noch mal sorgsamer mit nonverbaler Kommunikation um.
Als dritte Auffassung nennen Ulich und Wiese in ihrem Buch „Life Domain Balance: Konzepte zur Verbesserung der Lebensqualität“ eine Generalisationshypothese. Derzufolge beeinflusst das Verhalten und Erleben am Arbeitsplatz die Freizeit (oder auch umgekehrt) in einem Maße, dass sogar verstärkende Einflüsse zu erwarten sind. Auch hier ein Beispiel: Ein Coachee von mir ist Geschäftsführer eines Rechenzentrums eines Schweizer Pharmaunternehmens. Sein berufliches up to date mit den Technologien von übermorgen führt dazu, dass er auch sein Haus technisch unfassbar ausgestattet ist. Damit meine ich kein banales Smart Home. Ich meine: wirklich unfassbar. Das „zu-Hause-ausprobieren“ wiederum minimiert die Hemmschwelle des Ausrollens von stressfrei getesteten Technologien im Unternehmen. Ein zweites Beispiel: Laut einer Studie des Transport of London verbessern 20 Minuten Meditation täglich für 80% der Meditierenden nachweislich ihre Beziehungen zu MitarbeiterInnen und KollegenInnen.
Der Vollständigkeit halber seien noch die Kompensations- und die Kongruenzhypothese genannt. Erstere erschließt sich aus dem Begriff: Mein eigener Job verkörpert die Interaktion mit Menschen. Und wieder aus meiner eigenen Erfahrungswelt: Ich kompensiere das durch Zazen: Sitzen im Stillen, in der Haltung: don’t move. Weder den Körper noch die Gedanken. Die Kongruenzhypothese hingegen geht davon aus, dass das Zusammenspiel zwischen Arbeits- und Freizeitverhalten zwar besteht, aber keine direkte Kausalität erkennbar ist. Also eher eine dritte Variable der Einflussfaktor ist. Zum Beispiel ein Persönlichkeitsmerkmal. Der Einfachheit halber bediene ich mal kurz ein Klischee: Eine Führungskraft, die in ihrer Persönlichkeit die Dimension der Gewissenhaftigkeit ausgeprägt hat, die übrigens in enger Verbindung mit Leistungsmotivation steht, wird auch das eine und andere kompetitive Hobby ausüben, in dem er oder sie sich mit anderen direkt messen kann.
Oben genannter Eberhard Ulich hat den Begriff Work Domain Balance geprägt. Nicht aus Lust und Laune oder Langeweile. Hintergrund sind der Wertewandel und das Hineinwachsen der Generationen Z, für die Work-Life-Balance eine nicht wegzudenkende Bedeutung hat. Dahinter stehen Anforderungen an Maßnahmen seitens des Unternehmens, die zum Beispiel familiären Ansprüchen gerecht werden. Ich kann – wie vor etwa 20 Jahren bei mir selbst der Fall - das Kind oder den Hund nicht nur mit zur Arbeit bringen: es wird dort auch gut für sie gesorgt! Ok, ich hatte das damals als Geschäftsführerin selbst in der Hand – und war meiner Zeit weit voraus. Was nun auch bedeutete, dass ich in die Kommunikation mit vielen (fragenden und auch neidischen) Stakeholdern zu gehen hatte. Aber das Konzept zahlte sich schon damals aus! MitarbeiterInnen waren zu Höchstleistungen motiviert. Unternehmensinterne KiTa‘s sind heute üblich. Mit den Hunden ist das noch etwas heikel...
Nicht zuletzt die Pandemie hat uns gezeigt, dass vieles viel einfacher umsetzbar ist, als noch vor 5 oder wie in meinem Beispiel vor 20 Jahren gedacht. So auch die Offenheit für flexible Arbeitszeiten und -orte, Job-Sharing oder Sabbatical.
Heute würde ich meinen MitarbeiterInnen übrigens unbedingt auch scheinbar banale Angebote wie Wäsche- und Einkaufsservice anbieten. Da wir im Team allerdings komplett remote arbeiten, sind Gutscheine für die Marley Spoons und Dinnerly dieser Welt willkommen. Diese und zahlreiche ähnliche Maßnahmen sind nicht schwierig umzusetzen und erleichtern die MitarbeiterInnen enorm. Dafür braucht es weder HR-Business Partners noch ein riesige Budgets. Es sind Aufmerksamkeiten. Motivationsfaktoren.
Diese und ähnliche Angebote sind bei ArbeitnehmerInnen nicht selten der entscheidende Faktor für oder gegen ein Unternehmen!
Christiane Hof benennt noch den Begriff der Entgrenzung als eine Flexibilisierung oder gar das Aufgeben der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. Im primären Sektor, also beispielsweise der Land- oder Forstwirtschaft oder auch der Fischerei, heute noch völlig normal. Die Natur und die Tiere geben den Takt für private Planungen vor.
Vielleicht werden Sie nach einer kurzen Reflexion für sich feststellen, dass jede der Hypothesen auf Sie zutreffen könnte. Keine so ganz, aber auch keine „gar nicht“. Das wäre auch meine Erfahrung. Und gleichzeitig unterstützen die Auffassungen, Hypothesen, darin, genauer hinzuschauen:
Wo haben Sie Ihre Integrations-Optionen vielleicht noch gar nicht ausgereizt?
An welchen Stellen wäre etwas mehr Segmentation durchaus gesundheitsförderlich?
Und sind Sie sich über den Reichtum bewusst, das Ihr Leben durch die vielen Schnittmengen zwischen Arbeit und Freizeit (Generalisationshypothese) erfährt?
Für viele meiner Coachees hilft der Blick auf die Life Domain Balance, um schnell wirksam nachzujustieren. Häufig trifft auf sie die Hypothese der Integration bzw. Interaktion zu. Mag daran liegen, dass ich überwiegend Menschen in Leitungspositionen begegne. Mag aber auch sein, dass es einfach der Trend unserer Zeit ist, das eine möglichst optimal mit dem anderen zu verbinden. In beide Richtungen.
Welcher Hypothese beschreibt Ihre Life Domain Balance am Besten? Schreiben Sie mir gerne! silvia@silviaglaser.de Ich antworte zuverlässig.
Wenn wir uns mit Life Domain Balance beschäftigen, gibt es da einen ganz wesentlichen Faktor, der auch den noch so besten Planungsgedanken, na sagen wir mal... zumindest irritiert: Die Zeit. Das monochrome Zeitverständnis, in dem eine Sache nach der anderen gemacht wird, entspricht einfach nicht unserer Realität, in der wir oft mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Während der Tage, in denen ich zum Beispiel für diesen Artikel recherchiere, bereite ich gleichzeitig ein Einzel-Coaching vor, schreibe ein Angebot für einen Team-Workshop, kümmere ich um den Fortlauf der Campus Entwicklung im Zen-Kloster. Vom „ganz normalen“ Alltag, in dem der Haushalt gemacht werden will, ich Zeit finden möchte, mit meinem Partner, schon morgens früh eine Runde zu Golfen und meine ältere Hundedame auch gerne Aufmerksamkeit möchte, mal ganz abgesehen. Ein polychrones Zeitverständnis, in dem mehrere Tätigkeiten parallel erledigt werden, erlebe ich also während eines großen Teils meines Lebens. Und vermutlich. Sie auch! Da kommt sie dann wieder ins Spiel: die Kompensation... im Zen-Kloster bemühen wir uns um einen sequenziellen, monochromen Tagesablauf. Eine Sache nach der der anderen. Und doch sitze ich auch hier sehr oft im Zazen (Sitz-Meditation) und denke ganz polychron schon an das kommende Meeting oder den zurückliegenden Tag.
Und all das, alles zu seiner Zeit, erlebe ich als smarte Life Domain Balance. Aufmerksam beobachtend und immer mal wieder korrigierend. Vollkommen zufrieden mit dem, wie es ist. Und in aktivem Warten und der Vorfreude auf das, was kommt.
Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Ergänzungen zu diesem oder anderen Artikeln von mir haben, freue ich mich auf Feedback!
Ihre Silvia Glaser