„Irgendjemand. Irgendwas. Irgendwann.“

Wenn Mitarbeitende lieber im Nebel reden als Verantwortung übernehmen, sagt keiner, was Sache ist – aber alle fühlen sich sicher. Willkommen in der Komfortzone des 'man'.

Die Psychologie hinter dem "man"

Es beginnt harmlos. Ein Meeting, ein Gespräch, eine beiläufige Bemerkung. "Man sollte die Prozesse effizienter gestalten." "Man sollte sich besser austausche." "Man sollte darüber nachdenken." Und schon sitzt er mit am Tisch – der unsichtbare Entscheider. Dieser nebulöse "Man", der so vieles tun soll, aber niemals handelt.

Doch warum greifen Mitarbeitende (wie Führungskräfte) so oft zu dieser sprachlichen Ausweichstrategie? Und was macht es mit uns, wenn wir unser eigenes Ich in die Anonymität des "man" auslagern? Die Antwort reicht tief in die Struktur menschlicher Identität und Verantwortung hinein.

 1. Vermeidung von Verantwortung

Wer "man" sagt, verschleiert Fehler und weicht Verantwortung aus. Statt "Ich habe einen Fehler gemacht" heißt es "Man hätte das anders machen können." Die Schuld wird externalisiert. Die persönliche Rolle wird entschärft oder bleibt sogar unklar. So schützt sich der Sprecher vor Kritik und Konsequenzen.

 2. Angst vor Individualität

Viele Menschen scheuen sich, aus der Masse hervorzustechen. "Man bleibt vorsichtig" klingt neutraler als "Ich bin vorsichtig, weil ich Angst habe." Das "man" dient als Tarnkappe, um sich anzupassen und unangreifbar zu bleiben.

3. Geringes Selbstwertgefühl

Unsichere Menschen nutzen unbestimmte Formulierungen. "Man weiß ja nie, was richtig ist" statt "Ich bin mir unsicher, was ich tun werde." Wer sich nicht festlegt, vermeidet Kritik und schützt sich vor Unsicherheit.

 4. Gesellschaftliche Prägung

Direkte Aussagen wie "Ich entscheide" oder "Ich will" wirken oft egozentrisch. Stattdessen wählen viele die kollektive Unbestimmtheit: "Man passt sich an" statt "Ich passe mich an, weil ich dazugehören will." Sprache spiegelt gesellschaftliche Normen.

 

Wie das Wort "man" zum ontologischen Suizid führt

Diese sprachliche Gewohnheit bleibt nicht folgenlos. Wer sich aus seinen Aussagen tilgt, verliert sein eigenes Subjekt. "Man lebt gesünder" – doch wer ist "man"? Der Sprecher? Eine Gruppe? Oder letztlich niemand? Wer seine Gedanken und Entscheidungen ständig auslagert, entfernt sich sprachlich und gedanklich von sich selbst.

Martin Heidegger beschreibt in *Sein und Zeit* das "man" als Ausdruck uneigentlichen Daseins. Wer es ständig benutzt, lebt nicht authentisch, sondern nach gesellschaftlichen Erwartungen. Die eigene Identität wird verschleiert. Das Individuum löst sich auf.

Jean-Paul Sartre sprach in der Existenzphilosophie davon, dass Menschen sich selbst „verleugnen“ können, indem sie sich in gesellschaftliche Rollen oder Konventionen flüchten und ihr authentisches Selbst aufgeben.

Albert Camus beschreibt im Mythos des Sisyphos das existenzielle Problem der Sinnsuche. Ein ontologischer Suizid könnte bedeuten, den Drang nach Sinn aufzugeben und sich vollständig in eine fremdbestimmte Existenz zu fügen.

Martin Heidegger sprach davon, dass Menschen im Modus des „Man-Seins“ (das anonyme Leben in gesellschaftlichen Erwartungen) ihre eigentliche Existenz verdrängen – eine Art „Verlust des eigentlichen Seins“.

Auch Unternehmen spüren die Folgen. Endlose Diskussionen voller "Man kümmert sich darum..." und "Man sollte das erledigen..." führen dazu, dass nichts passiert. Kein Verantwortlicher. Keine Umsetzung. Keine Ergebnisse. Die strukturelle Selbstauflösung beginnt – ein Unternehmen lähmt sich durch unklare Kommunikation selbst.

 

Die Verantwortung von Entscheidungsträgern: Mehr als „nur“ Kommunikationstrainings.

Führungskräfte versuchen oft, Mitarbeitende durch Kommunikationsseminare umzutrainieren. Viel wirkungsvoller ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der sie die psychologischen Mechanismen hinter ihrer Sprache reflektieren können.

Dazu gehören gezielte Selbstreflexion und persönliche Entwicklung. Statt Rhetoriktrainings bieten viele Unternehmen professionelle Unterstützung durch zum Beispiel individuelle Coachings an. Wer seine unbewussten Sprachmuster versteht, kommuniziert authentisch und übernimmt Verantwortung.

Fazit: Der Weg zur sprachlichen Verantwortung

Sprache ist nicht nur Ausdruck, sondern Gestaltung der Realität. Wer "man" durch "ich" oder "wir" ersetzt, übernimmt Verantwortung – für Gedanken, Entscheidungen und Handlungen.

Bewusstes Sprechen führt zu bewussterem Handeln. Wer sich seiner Sprache bewusst ist, gibt sich selbst eine stärkere Präsenz in der Welt. Denn letztlich entscheidet nicht "man", sondern jeder Einzelne selbst.

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