Sind Männer die besseren Narzissten? Donald Trump gegen Hannah Arendt.

13. Dezember 2016
Silvia Glaser

Viel unterwegs zu sein bedeutet auch, viel entspannte Zeit beim Schmökern in Bahnhofsbuchhandlungen zu verbringen. Was ich heute am Hauptbahnhof in Hamburg – ich bin – in beigefarbener Jeans und offwhite RollkragenPulli, dicker, dunkelbrauner DaunenJacke und UGGs – mal wieder auf dem Weg HH – Düsseldorf – erlebt habe … amüsiert mich.

Ok… ganz so abgebrüht bin ich nicht: ich spüre darüber hinaus auch Resignation… Mit viel Zeit bis zur Abfahrt schlendere ich durch die Bahnhofsbuchhandlung. Gedankenlos, entspannt und ohne Absicht. Scheinbar zufällig bleibe ich vor einem exponierten Regal mit der Überschrift „Biografien“ stehen. Schau an! Sogar Donald Trump steht da schon. „Die Wahrheit über Donald Trump“. Ob’s das wohl auch in englischer Sprache gibt? Dann muss ich annehmen, dass die Auflage in den Staaten extrem gering war, sonst hätte das Wahlergebnis anders aussehen müssen. Oh: Herbstblond – Gott der Gottschalk sieht so alt aus und hat noch immer strohblondes Haar. Ein extrem dickes Buch über Johnny Cash. Ganz präsent die Bühnenposition von Freddie Mercury. Phil Collins, J.S. Bach, DJ Bobo, G.W. Leibnitz, John le Carré, Wolf Biermann… meine Augen fliegen wie ferngesteuert durch die Reihen. Mein innerer Suchsender ahnt es bereits, mein Verstand will es noch nicht wahrhaben: alles nur Männer? Blick verlangsamen. Suche fokussieren. Puh. Gott sein Dank. Ich entdecke Namen wie Anne Franck und Marlene Dietrich. Ich werde neugierig. Wen noch? Schließlich mache ich mir sogar die Mühe, alle (wenigen) Bücher mit abgedruckten weiblichen Namen in die Hand zu nehmen. Schau an: die meisten sind Autorinnen, die …. über Männer schreiben.

Wieso steht da kein Buch von Hilary Clinton??? Ich suche – aber nein, nix gefunden. Dann gibt es noch einige Namen, mit denen ich nach Lesen der Rückseite nur deswegen etwas anfangen kann, weil dort erwähnt ist, dass sie mit bekannten – männlichen – Persönlichkeiten verheiratet waren. Oder hätten Sie auf Anhieb gewusst, wer Gertrud von Meyenburg oder Katharina von Bora war? Die Biografie von Elisabeth Förster-Nietzsche wird konsequenterweise gleich mit „Die Schwester“ betitelt. Und auf dem Cover mittig ein Bild von … ihm. Was macht das mit mir? Siehe oben: es amüsiert mich – und lässt mich irgendwie resignieren. Ich muss darüber schreiben, denke ich so bei mir. Ich möchte mir klar darüber werden, was ich wirklich davon halte. Und schreiben hilft. Mir. Gibt es so signifikant weniger interessante Frauen als Männer? Wer waren denn meine Idole? Wer interessiert mich? Wer sind die Idole meiner Tochter? Ich scanne auf der Strecke zwischen Bremen und Osnabrück bei einem Weizenbier meine Gedanken in Bezug auf bekannte Persönlichkeiten unterschiedlichster Themenbereiche. Viele Männernamen und –bilder kommen und gehen.

Ich gebe mir noch die Chance bis Münster. Immer noch mehr Männer als Frauen. Aber immerhin: Madonna, Carrie Bradshaw, Edith Piaf, Zarah Leander. Nee, sorry, Angela Merkel kam nicht. Ok, alles mainstream. Aber ich werde jetzt auch nicht googeln, nur um hier noch mit ein paar Namen brillieren zu können. Ich scanne innerlich mein eigenes Bücherregal und finde noch Biografien von Irina Tweedie, Isadora Duncan, Marie Curie, Gerta Ital, Preußens Luise, Coco Chanel. Ok, faktisch also auch bei mir zu Hause mehr Männer als Frauen. Sind Frauen so unspannend? Wieder kommt mir die Frage: warum steht die Biografie von Trump im Regal, die von Clinton aber nicht? Wo sind sie, die, die sich weltweit eingesetzt haben und einsetzen? Ist der Lebensbericht über das Leben des Tom Jones oder eines DJ Bobo tatsächlich besser zu verkaufen als das einer Hannah Arendt? Den Beweis habe ich visuell digitalisiert: ja.

Für alle Leser die mich nicht persönlich kennen: Ich gehöre zu den Frauen, die durchdekliniertes Gendertalking nervig finden, die Frauenquote nur dann für hilfreich erachten, wenn sie nicht ständig als Subline unter jeder neu zu besetzenden Führungsposition konterkariert wird – und die jahrelang selbst erlebte und bis dato erfährt, dass Männer im Job bevorzugt sind. Kaum zu glauben? Ein Beispiel aus der allerjüngsten Vergangenheit. Oktober 2016. Eine HR-Mitarbeiterin eines weltweit agierenden, japanischen Unternehmens mit Europazentrale in Düsseldorf kontaktierte mich. Sie suche einen Coach und sei durch die InternetRecherche auf mich aufmerksam geworden. Meine Werdegang und meine spezifischen Qualifikationen seien genau das, was sie suche. Vor allem, so erwähnte sie mehrfach: weil ich selbst jahrelang Geschäftsführerin gewesen sei. Dazu die positiven Testimonials und die aktuellen Auszeichnungen. Wir trafen uns. Ein langes Gespräch. Ein weiteres Gespräch sollte folgen. Sie meldete sich nicht mehr. Meine Erfahrung ließ mich vermuten, dass sie sich nicht traut, mir abzusagen. Zugegebenermaßen war sie auch wirklich noch ziemlich unerfahren und grade mal sechs Wochen im Job –aber hatte offensichtlich die Kompetenz eine so weit reichende Entscheidung zu treffen. Immerhin ging es um das Coaching zahlreicher Führungskräfte. Item. Meine Erfahrung sagte mir: ihr Schweigen läuft darauf hinaus, dass sie sich anders entschieden hat und nun nicht genau weiß, wie sie mir das sagen soll. Ich mag Dinge gerne klar und ziehe es vor, die „Sache“ von „Menschen“ zu trennen. Rief sie also kurzerhand an. Zu ihrer offensichtlich großen Erleichterung übernahm ich nach einem längeren Moment des peinlichen Schweigens die Gesprächsführung und fragte sie abschließend nach dem Grund ihrer Entscheidung. Ich mache es kurz und knapp: mein Mitbewerber hatte mehr Teilnahmen an Radiosendungen vorzuweisen… Geschäftsführer war er übrigens nie.

Und so schließt sich der Kreis. Was soll ich sagen. Ja, ich war amüsiert. Und ja, auch einen Moment resigniert. „But cheerfulness kept breaking through“. Bye bye Leonard Cohen. Und so eine Stimme kann nur ein Mann haben. Und ja, auch Blogger sind – irgendwie – NarzisstInnen:-)