Lust, einen Vortrag zu halten? Der Pragmatismus sekundenschneller Entscheidungen

24. November 2016
Silvia Glaser

Vor einigen Wochen fragte mich ein langjähriger Freund, ob ich Lust und Zeit hätte, auf einer internationalen Konferenz einen Keynote Speech zum Thema „Kommunikation“ zu halten.

Geschlossene Fragen, also Fragen, die – so die Theorie – nur ein Ja oder Nein als Antwort zulassen, tragen etwas unglaublich Ultimatives und für mich damit radikal Begrenzendes, ja schon panisch Beengendes in sich. Als Kommunikationstrainerin mag ich über die Form dieser Fragen aber auch nicht einfach hinweggehen und / oder bei Bedarf mit vielen Sätzen antworten. Vielmehr nehme ich gerne die – meist unbewusst geäußerte – Einladung des Fragenden an, mit einem knappen „Ja“ oder „Nein“ zu antworten. Was nicht selten zu Irritationen und fragenden Blicken (und…? was noch…? ) beim Gegenüber führt.

Was soll ich also auf eine Frage, die mich „irgendwie“ bedrängt, möglichst unmittelbar antworten?

Mein Verstand funktioniert (meistens) messerscharf und so schnell, dass ich in wenigen Sekunden –parallel zum Small Talk – die „Für’s“ und „Wider’s“ grob durchscannen kann.

„Ja“ bedeutet, dass ich andere Termine, die ich an diesem – mir zunächst noch unbekannten Tag – ggf. schon zugesagt hatte, absagen muss.

„Ja“ bedeutet, dass viel Arbeit für die Vorbereitung auf mich zukommt.

„Ja“ heißt, auf einer Bühne vor Menschen zu stehen, von denen naturbedingt ein Drittel sowohl den Kongress als auch meinem Vortrag „blöd“ finden wird. Egal wie klasse der Kongress und wie professionell mein Vortrag sein würden.

Ein weiteres Drittel wird sowohl Kongress als auch Vortrag toll finden und das verbleibende Drittel ist mit einer gewissen Gleichgültigkeit, im besten Fall: Gleichmütigkeit unterwegs. Ein Phänomen, das sich tendenziell in dieser Drittelung bei ziemlich allem wiederfindet, was in dieser Welt passiert.

Die interessante Frage ist: welchem Drittel schenken wir unsere Aufmerksamkeit?

Ein „Ja“ bedeutet also, mich einer Herausforderung zu stellen. Denn vor vielen Menschen zu sprechen war und ist und wird eine ständige Herausforderung für mich bleiben. Und gleichzeitig gibt es einen Anteil in mir, der genau das mag: den Flirt mit dem Publikum. Meine Freundin nennt es den „Rampensau“- Anteil. Klingt – wenngleich von ihr sehr liebevoll geäußert – in meinen Ohren wenig charmant. Aber ich muss zugeben, hätte ich diesen Anteil, gerne mit Gruppen und Menschen zu sein, nicht, wäre ich sicherlich nicht seit mehr als zehn Jahren eine gefragte Dozentin, Coach und – Rednerin.

Ein „Ja“ heißt auch, meinem alten Freund nach vielen Jahren wieder zu begegnen.

Für ein „Nein“ als Antwort auf die Frage gibt es noch mehr Gründe. In unserer westlichen Kultur und ganz besonders in der deutschen Erziehungskultur und Sozialisierung sind wir gut konditioniert und damit geübt darin, schnell Argumente für ein „Nein“ zu finden. Den Fokus auf das vermeintliche Haar in der Suppe zu legen. Aber dieser Tendenz folge ich an dieser Stelle nicht mit schriftlichen Ausflügen. Heißt aber keinesfalls, dass ich die vielen Argumente nicht sehr kritisch in Betracht gezogen habe.

Kurz und gut: ich habe zugesagt.

Aber konnte ich mir der Konsequenzen der Entscheidung in ihrer vollen Bandbreite in diesem kurzen Moment tatsächlich bewusst sein?

Natürlich nicht… Was also war der Impuls für die Entscheidung? Was geht diesen und ähnlichen Entscheidungen an Prozess voraus, damit wir sie dann vermeintlich „plötzlich“ glasklar treffen können?

Hier ein paar interessante Ansätze dazu vom Emotionsforscher Avid Kappas: www.klub-dialog.de/bauch-oder-kopf/

Zurück zu meiner Entscheidung: An dieser Stelle würde ich mich als Leser des Textes fragen: warum hat sie die Entscheidung nicht vertagt? Letztendlich sind es zwei Grundlagen, die erklären, warum wir manchmal Entscheidungen sehr schnell und klar treffen können, ohne es rational wirklich erklären zu können. Und diese Grundlagen treffen damit auch auf mich zu.

Zum einen: die Zeit für eine bestimmte Entscheidung ist reif. In meinem Fall und bei dieser Entscheidung heißt das, dass ich seit vielen Monaten intensiv mit meinem besten Freund und Berater und Coach und Supervisor darüber diskutiere, wie „Dinge“ ins Leben gebracht werde können. Generell und im speziellen. Er motiviert, erinnert und fordert mich gebetsmühleartig auf, „mein Können zu zeigen“. Mich nahbar zu machen. Womit er meint, mich präsent zu machen. Auf Kongressen zu sprechen ist zweifelsohne eine probate Möglichkeit. Ich war also sensibilisiert.

Zweitens, und das ist die Basis für erstens, ist es ein Ergebnis der Übung des „Anhalten“. To pause for the particular. Dieses Pausieren für den Moment ist seit vielen Jahren zu einer grundlegenden Praxis in meinem Leben geworden. Ich habe damit mehr und mehr die Fähigkeit entwickelt, auch unter Druck im Moment präsent und klar zu sein.

Wenn ich Klienten frage, was sie im Coaching mit mir lernen wollen, steht diese Fähigkeit ziemlich weit oben.

Tatsächlich war ich im Moment des Telefonats, im Moment der oben beschriebenen Entscheidung, so fokussiert und präsent und damit klar, dass ich die Entscheidung zweifelsfrei treffen konnte. Keine Zauberei. Kein Kunststück. Vielmehr kontinuierlich geübte Achtsamkeit. Inmitten aller Veränderungen einen Moment innehalte. Geht nicht von heute auf morgen. Aber ist trainierbar. Einfach erklärt: wie ein Muskel.

Nun – aktuell im Zug zwischen Hamburg und Düsseldorf – bin ich also mittendrin in der Vorbereitung eines Vortrages zum Thema „ Die kompromittierende Kompetenz der Kommunikation“ – Kommunikation zwischen Führungskraft und Azubi.

Interessiert? Einen Zusammenschnitt des Vortrages gibt’s ab Mitte Dezember auf YouTube.

Und weil’s so einen netten Anruf von dir gab, hier für dich Olivia: Mehr oder weniger braunes Kleid, dunkelbraune Wildlederstiefel, beigefarbener Mantel. Missoni, Tod’s und Windsor.